Böhse Onkelz – 19. – 22.06.2014, Hockenheimring

Ein Kapitel in meinem Buch der Erinnerungen 

Wie viele andere auch war ich in meiner Jugend und meinen jungen Erwachsenenjahren ein leidenschaftlicher Fan der Böhsen Onkelz. Mit zarten 13 in den Regalen der Videothek um die Ecke entdeckt waren sie fortan ein fester Bestandteil meines Lebens; Lehrer, Anker, Beschützer, Tröster, alles, was Musik nur sein kann. Alleine auf der letzten Tour pilgerte ich auf sieben Konzerte und natürlich auch nach Wacken. Emotionaler Höhepunkt (oder Tiefpunkt, wie man es nimmt) bildete dann das Vaya con Tioz.

Nach neun Jahren hat sich in meinem Leben viel verändert, ich bin meinen Weg weiter gegangen, habe mich hier und da für eine Abzweigung entscheiden müssen und bin im Großen und Ganzen zufrieden dort, wo ich stehe. Und dennoch hat all die Jahre immer wieder etwas gefehlt. Manchmal war es Hoffnung, manchmal Mut, manchmal Perspektive. Immer nur kleine Momente, kaum wahrnehmbar, rückblickend jedoch vorhanden. Was mir aber permanent gefehlt hat über all die Jahre waren die Konzerte der Onkelz. Diese Stimmung, dieses Gefühl, diese Lieder in die Welt hinauszuschreien, sich richtig Luft machen zu können, mit anderen Leuten „diesen Traum, dieses Privileg“ teilen zu können. Klar, die Musik konnte man immer noch hören, aber das war nicht das, was ich brauchte. Ich brauchte die Jungs live.

Vor ein paar Jahren habe ich mit einem Kumpel eine Wette abgeschlossen. Er sagte, die Onkelz kommen noch einmal wieder, ich hielt dagegen. Der Wetteinsatz war eine Onkelz-Party und damit ich eine Chance hatte zu gewinnen ohne abwarten zu müssen, bis der letzte Onkel zur Ruhe gebettet wurde, wurde der Wettzeitraum auf Lausitz +10 festgesetzt. 2015 hätte ich meine Wette also gewonnen. Hätte. 

„Alles ist wahr, wir sind wieder da!“ 

Besagter Kumpel schrieb mich also im Januar 2014 an, erinnerte mich noch einmal an unsere Wette und verwies mich auf die Onkelz-Seite. Der Rest ist Geschichte. Gefühlschaos, Schwanken zwischen Hoffen, Freuen und Angst vor Enttäuschung, die unglaubliche Ankündigung des Comebacks, das Zittern in der Warteschlange und dann das sehnsüchtige Warten auf den Juni.

In der Zwischenzeit hat sich im Forum der Band ein kleines Grüppchen im La Familia Thread gefunden und für mich wurde es langsam Zeit, die Logistik zu klären. Da ich die einzige aus meinem Bekanntenkreis war, die beide Konzerte besuchen wollte war ich auch die einzige mit dem Wunsch zu campen. Frankfurt ist zwar nur einen Katzensprung von Hockenheim entfernt, berechnet man jedoch die Zeit, die man nach dem Konzert benötigt, um den Ort verlassen zu können und die Zeit, die man am Konzerttag früher da sein möchte mit ein, wirkt ein zuhause nächtigen gar nicht mehr so verlockend. Ich fragte also schüchtern im La Familia Thread nach, ob man sich der Camping-Fraktion anschließen könnte und wurde mit offenen Armen empfangen.

Die Planungen im Thread liefen schon auf Hochtouren, es wurden T-Shirts entworfen und in Druck gegeben, Zelte vorab eingesammelt um das gemeinsame Campen bei unterschiedlicher Anreise ermöglichen zu können und die Vorfreude wuchs von Tag zu Tag.

Tag E.I.N.S. – Ankunft, Aufbau, Feierei 

Am Morgen des 19.06.2014, einem Donnerstag belade ich das Auto meiner Eltern und mache mich auf den Weg zum Hauptbahnhof, wo ich das erste La Familia Mitglied einsammle. War mir zunächst natürlich etwas mulmig bei dem Gedanken, mit fremden Menschen bzw. Menschen die ich erst seit kurzem aus dem Forum kannte gemeinsame vier Tage zu verbringen, so sind diese Gedanken sofort wie weggeblasen. Wir verstehen uns auf Anhieb gut, es fühlt sich nicht so an, als würden wir uns grade das erste Mal sehen.

Die Fahrt nach Hockenheim verläuft gut und wir steuern schon eine Stunde später den mit einem weiteren Teil der Meute verabredeten Parkplatz an. Auch hier wieder das gleiche Phänomen wie schon am Bahnhof, eine Menge fremder Gesichter und doch ist es so, als würde man sich ewig kennen. Dieses Gefühl sollte sich auch durch das restliche Wochenende so durchziehen. Als auch die letzten am Parkplatz angekommen sind, ziehen wir in einer Autokolonne Richtung Hockenheimring. Einen kurzen Zwischenstopp legen wir noch bei Kölsche ein, er hat den Captain Morgan vergessen (!). Seine Mutter bringt ihn ihm jedoch liebenswerter Weise kurz ans Auto. Wenige Minuten später sind wir dann an unserem Ziel. Hockenheim. Nach ein wenig hin und herfahren finden wir schließlich den Weg auf den Campingplatz C7.

Nachdem alles ausgeladen ist, stecken wir uns eine Fläche ab und fangen an, die unzähligen Zelte, die wir von den später Ankommenden erhalten haben aufzubauen. Fapi hat von einem Freund ein La Familia Banner gedruckt bekommen und dieses stellen wir nun als krönenden Abschluss am Eingang zu „unserem Campground“ auf.

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Das erste Konzert 

Während ich Freitagsmorgens aus dem Zelt klettere und mich über die unzähligen, in der Nacht dazugekommenen Nachbarn wundere werden bereits die Pläne zum weiteren Verlauf des Tages geschmiedet. Lily kommt an und mit ihr zusammen eine Menge leckerer Muffins, die großen Anklang finden. Man möchte rechtzeitig los, um einen schönen Platz zu erwischen, der Einlass ist um 14:00 Uhr und so machen wir uns so gegen 12 Uhr auf, in Richtung der Einlass-Tore. Ein paar von uns haben sich nur Karten für den Samstag organisiert und machen sich auf dem Campingground eine schöne Zeit. Von Micky und ihrer Tochter müssen wir uns unterwegs leider auch verabschieden, weil diese Tribünenplätze haben.

Ich habe mich in der Zwischenzeit mit einer Freundin verständigt, mit der ich bereits das Vaya con Tioz besucht habe und so stößt diese nach einigen Koordinations-Telefonaten vor dem Einlass ebenfalls zu uns. Glücklicherweise ist der Himmel ganz leicht bewölkt, so dass die Sonne nicht permanent auf uns niederbrennt, aber es ist wirklich unglaublich warm. Meine Unvernunft vom Tag zuvor wird auch bestraft und so kann ich bereits auf Armen und Gesicht einen nicht mehr ganz so leicht zu nennenden Sonnenbrand vermelden.

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Nachdem wir von unserem Einlass aus den Ring einmal umrundet haben, kommen wir nun auf das Infield. Zielstrebig strömen wir auf den linken ersten Wellenbrecher (also, eigentlich den rechten aber von der Bühne aus halt links) und erhalten zu unserer Freude Einlass samt Bändchen. Hm lecker, die Weidner-Seite. Irgendwann sind auch noch ein paar der Hotel-Schläfer zu uns gestoßen (ich muss gestehen, ich weiß leider nicht mehr wann genau) und so wird unsere lustige Runde noch um ein paar Personen mehr erweitert.

Ich verziehe mich irgendwann mit meiner Freundin aus dem Wellenbrecher raus in den hinteren seitlichen Teil des Inflields, wo wir es uns zum Quatschen auf dem Beton der Rennstrecke bequem machen. Von dort aus verfolgen wir auch die beiden Vorbands, Soulfly und Limp Bizkit bevor wir uns in der Umbaupause wieder auf den Weg zurück zu den anderen begeben.

War ich die ganze Zeit noch relativ gelassen, so werde ich kurz vor Beginn dann doch sehr nervös. Gleich sollen die Onkelz wieder vor mir auf der Bühne stehen. Das, was ich nie für möglich gehalten hatte ist letztendlich doch eingetroffen: ich werde langersehnt wieder ein Konzert der Onkelz erleben. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wohl gleich sein wird, wenn die Jungs die Bühne betreten werden doch der Versuch bleibt erfolglos. Die Set List, die zuvor rumgegangen war habe ich bewusst ignoriert, ich wollte mich nicht spoilern und nur den Moment erleben. So weiß ich nicht mal, welches Lied mich als erstes erwarten wird. Als dann Ben Becker die Bühne betritt werde ich langsam ungeduldig und kann die Anspannung kaum mehr ertragen. Becker reißt, wenn auch im Nachhinein umstritten die Massen mit und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es nun total gut oder unglaublich überzogen finde.

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Nachdem er die Bühne wieder verlassen hat ist es endlich soweit. Als die ersten Töne von „Hier sind die Onkelz“ erklingen fällt ein riesen Ballast von mir ab. Alles ist immer noch so unwirklich aber ich fühle mich zum ersten Mal seit langem wieder so, als ob nichts mehr fehlt. Als Ganzes. Ich kann es das ganze erste Lied nicht fassen, dass ich wieder auf einem Onkelz Konzert bin, dass ich sie wieder live spielen sehe. Ich muss mir immer wieder sagen „Das ist Wirklichkeit. Die stehen da echt. Du bist auf einem Onkelz Konzert.“. Es gibt kein Halten. Ich feiere mit meiner langjährigen Freundin und meinen neu gewonnen Freunden, wir lachen, weinen, singen und grölen. Das Orchester, eingebaut in die Bühne verleiht dem Ganzen noch einen besonderen Zauber. Bei „Finde die Wahrheit“ reicht man sich die lang vermissten Hände, bei „Nummer 1“ schreit man seinen alten Hass auf die Presse hinaus. Bei „Koma“ dann mein persönlicher Höhepunkt des Abends. Ich hab die Ansage von Stephan gar nicht richtig gecheckt und dann kommt plötzlich Moses auf die Bühne und rappt den ersten Part seiner Koma-Interpretation „Für die Ewigkeit“. Dazu muss man wissen, dass ich Moses, bzw. damals noch das Rödelheim Hartreim Projekt schon genauso lange höre (und vergöttere) wie die Onkelz.

Onkelz und RHP/Moses P. das sind die Bands, die in meinem Leben von dem gesungen haben, was mich wirklich interessiert und bewegt hat. Die meine Gedanken in Lieder packen konnten. Ich freue mich also wirklich unglaublich, als Moses da plötzlich auftaucht und fange sofort an, seine Strophe mit zu „singen“. Dabei stelle ich zwar fest, dass um mich herum niemand das Lied zu kennen scheint aber das ist mir egal. Ich feire den Moment so sehr. Und das Strahlen auf Moses Gesicht, ein Geschenk.

Die Set List ist wirklich voller Überraschungen, eine Mischung aus Klassikern und Unerwartetem. Schnell fällt mir der Staub sehr unangenehm auf. Sobald die Masse anfängt zu tanzen und zu pogen wirbelt ein ganz fieser Staub vom Boden des Hockenheimring auf. Ich finde ihn lästig und es fällt mir schwer durch ihn zu atmen. Ja, ich gebe es ganz offen zu, ich bin eine Hockenheimring-Staub-Hasserin. Ich habe auch den Eindruck, dass sich dieser Umstand auf die Stimmung und Tanzwilligkeit des Publikums ausgewirkt hat. Da könnte aber auch die Sonne ihre Finger im Spiel haben. Zurück zum Moment. Kevin „Hast du Sehnsucht nach der Nadel“ singen zu hören hinterlässt ein merkwürdiges Gefühl – nicht positiv, nicht negativ, neutral merkwürdig. Terpentin habe ich lang ersehnt, ich liebe die Party die um einen herum tobt, wenn das Lied gespielt wird.

Dann der akustische Teil. Der Gang unter „Panamericana“ über den Steg auf den Würfel. Und dann die Liederauswahl. Der ganze Schmerz, den ein Teenager empfindet wieder da. Erinnerungen an die Momente, in denen man die Lieder gebraucht und gehört hat. Unglaublich viele Empfindungen, die in diesem Moment in mir hochkommen. Unpackbar. Ich bin glücklich, obwohl es schmerzt 😉

Nach diesem Teil, der Löcher in die tiefsten Wunden der Seele gerissen hat, die nun einladen, darin zu bohren geht es auf der Hauptbühne mit etwas schnellerer Kost weiter. Ein weiteres Highlight bildet dabei „Macht für den der sie nicht will“. Ich liebe diesen Song, für seinen Klang und für seine Aussage. Nach „Erinnerung“ verlassen die Jungs das erste Mal die Bühne. Ich nehme ihnen ja heute noch übel, dass sie damals, 2002 in Dortmund nach diesem Lied noch einmal mit den Jungs von Sub7even auf die Bühne kamen und „Nur wenn ich besoffen bin“ gespielt haben. Immerhin ist es immer „das letzte Stück auf einem Onkelz Konzert“ gewesen.

Nach einer kurzen Verschnaufpause knallen Feuerfontänen vor der Bühne nach oben und die Onkelz sind mit „Feuer“ zurück. Dieses brennt sehr heiß auf meinem Gesicht und mein Sonnenbrand rebelliert leise. Dann kommt „Mexico“. Ist es ja mittlerweile bei vielen in Misskredit geraten, weil einige Onkelz-Fans der Masse mit ihren vehementen und oftmals an unpassenden Stellen eingebrachten „MEXICO!“-Rufe gehörig auf die Nerven gehen, so habe ich mich auf dieses Lied tatsächlich am meisten gefreut. Dazu möchte ich mich erklären:

Auf dem Lausitzring während dem ersten Konzert hatte ich es noch nicht richtig realisiert; das dies der Abschied war. Dass das die letzten beiden Onkelz-Konzerte sein werden, die ich in meinem Leben besuchen werde. Erst bei Mexico wurde es mir auf einen Schlag bewusst. Ich dachte „Das ist das letzte Mal, dass die Stelle zum Tanzen kommt“. Peng. Wie ein Schlag ins Gesicht. Und deswegen habe ich mich auf Mexico gefreut. Genauer gesagt auf die Stelle zum Tanzen. Den geschlossenen Kreis.

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Bei „Auf gute Freunde“ liege ich mir mit meiner Freundin in den Armen und wir schwelgen kurz, jeder so für sich in den fast zwanzig Jahren Freundschaft, die uns verbinden.

„Nichts ist für die Ewigkeit“ bildet einen würdigen Abschluss und dann lassen die Onkelz uns gegen 23:00 Uhr unter „Baja“ zurück. Wir bleiben alle noch eine Weile im Infield stehen, jeder lässt die Eindrücke für sich noch einmal sacken und dann machen wir uns irgendwann langsam im Strom der Massen auf den Weg zurück zum Zeltplatz. Überall erschöpfte, aber dennoch glückliche und zufriedene Gesichter. Bei manch einem ist die Spur einer kleinen Träne in der Staubschicht, die die Gesichter bedeckt zu erkennen. An einer Unterführung verabschiede ich mich von meiner Freundin und folge dem Rest von meinen Leuten auf den Campground.

Was ich eine schöne Anekdote finde ist, dass besagte Freundin auf dem Lausitzring mit ihrer ersten Tochter, meinem Patenkind schwanger war. Heute, auf dem Reunion-Konzert ist sie mit ihrer vorerst letzten Tochter schwanger (dazwischen liegen zwei Jungs). Ich finde es faszinierend, wie sich ein Kreis schließt und ein Anfang jeweils auch ein Ende sein kann.

Bei den Zelten angekommen werden wir schon von den anderen erwartet, ein paar haben Teile des Konzertes vom Zaun draußen verfolgt. Rücksichtnehmend auf die, die sich am nächsten Tag selbst überraschen lassen wollen, erzählen wir in kleinen Grüppchen denen, die es wissen wollen, was wir erlebt haben. Dabei stelle ich fest, dass meine Stimme ganz schön in Mitleidenschaft gezogen wurde, man ist halt nicht mehr die Jüngste. Ich gehe recht zeitig in mein Zelt, am nächsten Tag steht ja auch noch ein Konzert an: wie gesagt, das Alter.

Das zweite Konzert 

Als ich am nächsten Morgen aufwache stelle ich fest, dass es in meinem Zelt unfassbar warm ist. Ich bahne mir also meinen Weg nach draußen und stelle fest, dass ich gerade rechtzeitig aufgestanden bin. Es ist kurz vor zehn und die Gruppe hat sich für einen frühen Aufbruch entschieden. Mir bleibt noch Zeit, mich schnell frisch zu machen, ein koffeinhaltiges Heißgetränk hinunterzustürzen und festzustellen, dass von meiner einstmals so engelsgleichen Stimme nicht mehr viel übrig ist.

Auch diesmal müssen wir ein paar Leute auf dem Campingground zurücklassen und pilgern, diesmal mit einer noch größeren Gruppe als den Tag zuvor einmal mehr in Richtung Hockenheimring. Unterwegs kontaktiere ich noch einen Freund, der mit seiner Freundin und dessen Bruder an diesem Tag mit dem Campingwagen angereist ist und verabrede den Treffpunkt an den Einlass-Toren – nicht ohne Spott über meine fast nicht mehr vorhandene Stimme über mich ergehen zu lassen. Auf dem Weg machen wir noch an einem Merch-Stand halt und versorgen uns nach den staubigen Erfahrungen des ersten Konzertes mit den schwarzen Bandanas. Und dann heißt es wieder warten vor dem Einlass. War die Sonne gestern noch barmherzig und lies die ein oder andere Wolke zwischen sich und die Erde, so will sie heute davon nichts wissen. Sie brennt erbarmungslos auf uns nieder. Zwischendurch wird hektisch gecremt doch bei meinem Sonnenbrand ist alle Hoffnung verloren. Er brennt sich tiefrot immer weiter in meine Arme und mein Gesicht. In der Zwischenzeit ist auch mein Freund inklusive Anhang bei uns angekommen und lässt sich nieder.

Bobos Oma hat Geburtstag und so wird selbige zum Gratulieren angerufen, was der Oma ein spontanes Ständchen unserer Gruppe einbringt, in welches bald auch alle anderen um uns Wartenden einstimmen. Bobo ist sichtlich gerührt und auch ihrer Oma dürfte es gefallen haben. Viva macht sich unterdessen Gedanken, ob sie ihre Milchpumpe an den Ordnern vorbei bringen kann.

Dann endlich haben wir es geschafft. Es ist ungefähr 14:00 Uhr und die Schranken öffnen sich. Nur noch durch die Kontrollen und wir sind wieder am Ort des Geschehens. Leider gibt es bei der Security noch einen kleinen Zwischenfall, so dass wir einen Moment aufgehalten werden. Der Wilde, der seinen Forennamen Frei.Wild auf sein La Familia Foren-Shirt gedruckt trägt muss dieses abgeben. Da helfen auch keine Diskussionen, er muss den weiteren Weg ohne T-Shirt antreten. Nach dem Konzert kann er es wieder abholen. Später wird Gonzo in einem Interview sagen, dass es sich hierbei um ein Missverständnis handelte. Die Security an einem Eingang (offensichtlich unserem) war da etwas übereifrig und der Konzertveranstalter hat dieses Problem nach Rücksprache mit den Onkelz auch schnell beheben können.

Nun können wir unseren Weg um den Ring fortsetzen. Auch heute wollen wir wieder die linke erste Welle anpeilen (hihi, wieder Weidner-Seite) und auch diesmal schaffen wir es alle zusammen ohne Probleme in den gewünschten Bereich. Ich habe jedoch das Gefühl, dass der Ring sich heute schneller füllt. Pfanne, selbst nicht unbedingt von der schmächtigen Sorte, fragt einen Bären von Security, ob wir eine Möglichkeit haben, Vivas Milchpumpe zwischen dem ersten und den zweiten Wellenbrecher abzustellen. Der Security, hin und hergerissen zwischen lachen und weinen, dabei jedoch bemüht, seinen ernsten Gesichtsausdruck zu erhalten muss erst mal seinen Kollegen fragen, gibt uns dann jedoch grünes Licht.

Irgendwie macht mir die Hitze heute sehr zu schaffen und ich beschließe, mir bis zum Konzert Beginn ein schattiges Plätzchen zu suchen um der gnadenlosen Sonne zu entfliehen. Ich merke schnell, dass dies leichter gesagt als getan ist. Auf der ganzen Fläche gibt es nur wenig, das Schatten spendet. Menschenmassen drängen sich in den kleinen schmalen Schatten des Bretzel Standes. Großes Gedränge unter den Schirmen an den Bierständen. Auf meiner Suche nach einem kühlen Fleck laufe

ich gerade an einem der unzähligen Getränkestände vorbei als mir jemand an der Kapuze ziept. Ich drehe mich um und schaue in das freundliche Gesicht eines Mitarbeiters, der grinsend auf meine Halskette, an der ich die Lilie der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg trage und danach auf seine Gürtelschnalle, die das gleiche Logo ziert. Sehr cool. Lächelnd laufe ich weiter.

Endlich kann ich einen freien Platz neben dem Merch-Stand ergattern. Dieser ist zum Glück recht hoch und bietet damit für ein paar mehr Leute einen Platz abseits der Sonne. Um mich herum sitzen ein paar nette, untereinander unbekannte Menschen, die lockere Gespräche führen. Als ich mich in ein solches Gespräch einklinken will stelle ich fest, dass meine Stimme mich nun vollends verlassen hat. Ich bekomme keinen Ton mehr heraus. Leise steigt Panik auf. Was, wenn ich nachher nicht mitsingen kann? Ich beschließe, meine Stimme bis zum Konzertbeginn zu schonen und die Stimmbänder mit viel Wasser feucht zu halten. Außerdem esse ich eine Portion Bratkartoffeln (die übrigens super lecker waren). Crowbar schaue ich mir noch aus der schattigen Entfernung an, während Limp Bizkit spielen traue ich mich aus dem schützenden Dunkel und begebe mich zurück zu Welle 1 links. Ich freue mich besonders, dass Micky heute im Infield bei uns ist und auch darüber, dass Sissy heute dabei ist, die ich beide quasi sofort nach Ankunft bereits in mein Herz geschlossen habe. Meine Freunde, mit denen ich mich vor dem Einlass getroffen habe sind mittlerweile in der Masse verschwunden.

Heute bin ich nicht mehr in diesem ungläubigen Zustand wie gestern, der erste Schock ist vorbei, ich bin aufnahmefähiger. Ich stelle schon bei „Hier sind die Onkelz“ fest, dass ich zwar nicht mehr sprechen aber immerhin noch grölen kann und freue mich immer noch wie ein kleines Kind als Moses zu „Koma“ wieder auf die Bühne kommt. Und heute kann ich mit Kölsche zusammen seinen Part feiern und bin nicht die einzige, die den Text kennt. Bei Stephans strahlendem Blick in die Menge antworte ich in Gedanken auf sein „Das ist so schön!“ mit einem „Du bist so schön!“. Offenbar nicht nur in Gedanken, denn Micky dreht sich prompt zu mir um und grinst. Ups. Bei Liedern wie „Immer auf der Suche“ oder auch „Kinder dieser Zeit“ stelle ich fest, wie sehr ich die Adioz doch im Vergleich zu den anderen Alben immer vernachlässigt habe.

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Es kommt wieder die Zeit für das Akkustik-Set. Die vier Jungs begeben sich wieder, vom Orchester mit Panamericana begleitet auf den Würfel inmitten des Publikums. Heute kann ich klarere Gedanken fassen als gestern. Zuerst denke ich „Ihr dürft nie wieder gehen, noch mal halte ich keine neun Jahre durch.“ Gefolgt von dem Gedanken „Wie könntet ihr wieder gehen, das Ding vom Lausitzring lässt sich niemals toppen. Ihr habt keine Wahl, sang und klanglos untergehen oder spielen bis ihr sterbt.“ (jaja ich weiß, theatralische Gedanken, aber hey, die Umstände!). Heute ist das Akustik-Set irgendwie besonders hart für mich. Sind gestern die alten Wunden aufgebrochen so sind sie heute schon am Bluten. Ausgerechnet diese vier Lieder bergen so viele Erinnerungen. So viele Gefühle. So viele Gedanken. Und so viele Träume. Sie waren da in der Zeit die mich am meisten geprägt hat. Ich bin froh, dass ich die anderen um mich rum habe und diese Lieder mit ihnen teilen kann. Dieses Wissen, mit einigen eine ähnliche Geschichte zu teilen. Und den tröstenden Arm, den Kölsche um mich legt. Und Pfannes Gesicht, den wir abseits stehen sehen und der in diesem Moment eine Tonne von Emotionen verarbeitet. Schaut man sich bei diesen vier Songs um, sieht man gestandene Männer weinen, Menschen, die sich gar nicht oder kaum kennen liegen sich in den Armen und teilen für Momente ihre Schicksale. Das war ein wirklich unpackbares Gefühl.

Wie gestern geht es nach diesen Minuten der musikalischen Therapie wieder etwas schneller weiter, „Die Firma“ knallt aus den Boxen und ich freue mich ein weiteres Mal über „Macht für den, der sie nicht will“. Die Setlist ist identisch zu gestern und nach Erinnerungen wird noch schnell das Zwischenergebnis des WM-Spiels unserer National-Elf gegen Ghana durchgegeben und dann verlassen die Jungs wieder die Bühne. Pe teilt uns noch aus dem Off den Torschützen mit (ich hab mir sagen lassen, es war Pe; also die Ansage, nicht der Torschütze, das war Klose) und ich habe die Gelegenheit noch kurz meine Stimmbänder zu schonen, bevor die Onkelz mit ihren Feuerfontänen zurück sind. Heute ist das Feuer in meinem Gesicht mit dem Sonnenbrand nicht auszuhalten, es fühlt sich buchstäblich so an, als würde mein Gesicht in Flammen stehen. Ich bekomme Angst vor einem Spiegel.

Bei den letzten Klängen von „Baja“ streunern wir immer noch in der ersten Welle rum. Chookie und Horchi, die nach Chookies Heiratsantrag beim Akustik-Set (von dem ich übrigens so überhaupt nichts mitbekommen habe, wie ich zu meiner Schande gestehen muss – ich habs mir aber erzählen lassen! Chookie ging bei „Bin ich nur glücklich wenn es schmerzt“ auf die Knie und hat um die Hand ihres Horchis angehalten *seufz*) nun frisch verlobt sind grinsen in die Kamera eines offiziell aussehenden Menschen mit einer professionell aussehenden Kamera (ja, ist auch auf der DVD gelandet) und wir machen noch ein Gruppenfoto mit La Familia Banner und Bühne im Hintergrund. Irgendwann werden wir dann doch nach draußen gekehrt und machen uns auf den langen, langen Weg, der uns zum Campground führen soll. Ich hab irgendwann die Gruppe verloren, zum Glück war aber Kölsche noch in der Nähe, so dass wir gemeinsam zurück nach C7 finden konnten. Dort angekommen saßen wir noch lange zusammen und haben die Konzerte und überhaupt die letzten Tage Revue passieren lassen.

Der Abschied 

Die Hitze lässt mich mal wieder nicht ausschlafen und ich öffne die Augen. Zumindest versuche ich es. Es geht nur eins auf. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigt, der Sonnenbrand hat zu einer Schwellung an meinem Auge geführt. Ich seh aus wie ein Boxer. Nach einem verlorenen Kampf. Na toll. Ich setze meine Sonnenbrille auf und klettere ich aus meinem Zelt. Einige sind bereits abgereist aber mit einem Rest kann man noch gemütlich zusammensitzen. Bis 12 Uhr haben wir ja noch Zeit, erst dann muss der Zeltplatz geräumt werden. Ab und zu haben Smartphones ja auch etwas Gutes und so durchsuchen wir das Netz nach Berichten über die letzten beiden Tage, über die wir uns zusammen freuen und wie so oft bei dieser Band auch zusammen ärgern. Der Abbau geht ganz schnell, jeder hilft jedem und bald ist alles wieder in den Autos verstaut. Nun heißt es Abschied nehmen und jedem ist klar, beim nächsten Mal sind wir allesamt wieder dabei!

The Aftermath 

Die Frage die bleibt ist, hat sich mein Leben dadurch verändert dass die Onkelz wieder da sind? Und das hat es tatsächlich irgendwie. Denn es kamen so viele Gefühle dieses Wochenende hoch, nicht alle davon bestanden aus Schmerz. Es waren auch Hoffnungen und Träume dabei, welche ich damals hatte und die auf meinem weiteren Weg irgendwie immer weiter in den Hintergrund getreten sind. Zugegebenermaßen bin ich zunächst in ein tiefes Loch gefallen, die ersten Wochen nach dem Konzert habe ich damit verbracht, alte Wunden zu lecken. Das war jedoch notwendig, denn danach konnte ich mich auf das Besinnen, was mich in meinem Leben glücklich gemacht, was mich erfüllt hat.

Es gibt zwei Zitate aus Onkelz Songs, die mich immer irgendwie begleitet haben und die mir besonders viel bedeuten. Das ist „Ein Traum ist kein Versprechen“, welches mir hilft, mit Enttäuschungen umzugehen und „das hier ist euer Erbe doch wenn’s euch nicht gefällt, dann werdet bessere Menschen und ihr kriegt ne bessere Welt“. Letzteres war immer das Motto, nach dem ich mein Leben gestalten wollte. Irgendwo auf meinem Weg habe ich es immer mehr aus den Augen verloren und jetzt ist es wieder da. Ich habe wieder die Kraft und vor allem den Ansporn, meine Träume zu verwirklichen, zu schreiben, mich sozial zu engagieren, die letzten geschriebenen Worte des Gründers der Pfadfinderbewegung, Baden Powell umzusetzen: “But the real way to get happiness is by giving out happiness to other people. Try and leave this world a little better than you found it.” Und genau das will ich versuchen.

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